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Wann ist ein Mann ein Mann?

Autor
Laura Lange

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Wann ist ein Mann ein Mann?

Zum Beispiel, wenn er sich für einen sozialen Beruf entscheidet, der traditionell »Frauensache« ist. Fast 40 Jahre nach Herbert Grönemeyers ironischer Bestandsaufnahme gibt es noch immer erstaunlich viele Rollenklischees. Doch zunehmend mehr junge Männer lassen sich zum Altenpfleger oder Erzieher ausbilden. Und das ist auch gut so.

Neulich war es wieder so weit: Meine Teenager-Tochter wickelte das Geburtstagsgeschenk für ihren Schulfreund Emil ein, in rosa Papier, und ich empfahl, stattdessen eine »Jungsfarbe« zu nehmen – schon schnappte sie zu, die Klischeefalle.

Anders die Post-Millennials, also die nicht einmal neun Millionen um die Jahrtausendwende in Deutschland Geborenen, jetzt 15 bis 24 Jahre alt. Sie können mit geschlechtsspezifischen Rollenbildern herzlich wenig anfangen. Schließlich sind sie weitgehend mit einer Frau als Bundeskanzlerin aufgewachsen und mit Elternzeit-Vätern, die sich zu Hause um ihre Kinder kümmern; sie wickeln, füttern und in Tragetüchern in den Schlaf wiegen. Umso mehr verwundert, dass der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt noch immer stark von stereotypen Mustern geprägt ist und Frauen und Männer dort vielfach unter sich bleiben. So sind Bau- und technische Jobs männerdominiert, während das Gesundheitswesen sowie der soziale und pädagogische Sektor überwiegend frauenbesetzt ist. Platz eins der Top 10 Ausbildungsberufe bei den jungen Männern nimmt laut Statistischem Bundesamt 2020 der Kraftfahrzeugmechatroniker ein, gefolgt vom Elektroniker und Industriemechaniker. Die Mädchen lassen sich nach der Schule am liebsten zur Kauffrau für Büromanagement ausbilden und zur (Zahn-)Medizinischen Fachangestellten. Es ist tatsächlich so: Die »Hitlisten« haben sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert.

»Durch diese eingeengte Orientierung bei der Berufswahl bleiben Potenziale von Schülerinnen und Schülern ungenutzt und Berufsperspektiven versperrt«,
Wolfang Stadtler

findet Wolfgang Stadler, der sich als ehemaliger AWO-Vorstandsvorsitzender für die Geschlechtergerechtigkeit in unserer Gesellschaft einsetzt. Ein Thema, bei dem die meisten an die Benachteiligung von Mädchen denken. Doch auch Jungs fühlen sich diskriminiert, wenn sie zum Beispiel statt in der Auto-Werkstatt lieber im Kindergarten arbeiten wollen und auf Unverständnis in ihrem Umfeld stoßen. Formal steht ihnen dieses Feld natürlich offen, doch in der Realität gibt es eine Fülle sichtbarer und versteckter Barrieren, die junge Männer davon abhalten, sich für einen sozialen und somit geschlechteruntypischen Beruf zu interessieren. Die wenigsten, die dann doch im sozialen Bereich ankommen, entscheiden sich bewusst dafür. Vielmehr führt sie der Zufall. Wie im Fall von Tobias Gruber:

»Ich hatte mir damals nach der Schule keine großen Gedanken über die Zukunft gemacht. Klar war, die Bundeswehr kommt nicht infrage, also wurde ich Zivi in einem Krankenhaus.«
Tobias Gruber

Der Zivildienst, 2011 durch den Bundesfreiwilligendienst ersetzt, ist ein typischer, weil niedrigschwelliger Einstieg in den sozialen Beruf. Bei Gruber gab die Erfahrung auf der Intensivstation den entscheidenden Impuls für seine spätere Laufbahn. Er ließ sich zur Pflegefachkraft im AWO-Seniorenwohnpark Moosburg ausbilden und gehörte 2001/02 zu den rund fünf Prozent Männern im Haus.

»In der Berufsschule waren wir schon etwas mehr. Einige kamen über den zweiten Bildungsweg, ältere und bereits gestandene Typen – positive, coole Männerbeispiele.«
Tobias Gruber

Neben der erfüllenden Arbeit mit betagten Menschen gefielen dem Oberbayern die zahlreichen Möglichkeiten der Weiterentwicklung. Innerhalb von zwölf Jahren stieg Tobias Gruber von der Pflegekraft zum Wohnbereichs-, dann zum Pflegedienstleiter auf und führt seit 2013 das AWO Seniorenzentrum Bürgerstift in Ismaning.

Alles Punkte, die auch Jakob Brauchle wichtig sind. Der Sozialpädagoge, der sich mit seiner Frau die Erziehung der zwei kleinen Kinder teilt, arbeitet mit einer 65-Prozent-Stelle als Einzel- und Gruppentherapeut in der AWO-Fachklinik Legau für suchtmittelabhängige Frauen.

»Auch wenn ich mit schweren Schicksalen konfrontiert bin, kann ich persönlich wachsen und mein Arbeitgeber unterstützt es sogar, dass ich mich bis ins Rentenalter weiterqualifiziere. Hier auf dem Dorf können sich die wenigsten Jungs einen sozialen Beruf vorstellen – er ist weit weg von ihrer Wirklichkeit, die eher in Sportgruppen oder handwerklichen Tätigkeiten stattfindet.«
Jakob Brauchle

Dass die Geschlechterverteilung in den Metropolen ausgeglichener ist als in ländlichen Regionen, bestätigt ein von der Bundesagentur für Arbeit im Mai 2021 veröffentlichter Bericht zur Situation im sogenannten Care-Bereich: Demnach waren 80 Prozent und mehr der Beschäftigten in der Kranken- und Altenpflege Frauen, wobei in Berlin und Hamburg in diesem Bereich jeder Vierte männlich ist, in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen dagegen nicht einmal jeder Sechste.

Bei der AWO Müritz bewarben sich 2021 für die Erzieherausbildung 150 junge Menschen. Gerade einmal 15 davon waren Männer. Als Sachgebietsleiter ist Christian Geßner heute für die Auswahl der Azubis zuständig. Er erinnert sich aber noch gut an seine eigene Zeit als Kita-Kraft. Immer wieder musste er sich mit den Vorbehalten der Eltern auseinandersetzen. Die wünschen sich auf der einen Seite mehr Männer in der Früherziehung, sind aber gleichzeitig skeptisch und wollen zum Beispiel nicht, dass diese ihre Babys wickeln.

»Die Aufteilung ist ganz klar: Frauen sind zuständig für alles Pflegerische und die Hauswirtschaft wie Tische abwischen und Betten beziehen; Männer hingegen für den Spaß, fürs Toben, Fußballspielen und die coolen Projekte. Ich musste das regelrecht einfordern. Wenn man aber offen und souverän damit umgeht, dann profitieren alle davon.«
Christian Geßner

Modellprogramme wie »Mehr Männer in Kitas« oder der bundesweite und seit 2011 (zehn Jahre nach dem Start des Girls‘Day!) stattfindende Aktionstag Boys‘Day, an dem Jungen Berufe kennenlernen können, in denen überwiegend Frauen arbeiten, helfen bei der Angleichung. Auch die Initiative »Klischeefrei« schärft den Blick für mögliche Ausbildungswege. Schirmherrin und First Lady Elke Büdenbender dazu: »Wir müssen vorurteilsfreie Berufsorientierung in die Praxis tragen und junge Menschen unterstützen, ihren Lebens- und Berufsweg selbstbestimmt zu gestalten.« Unter www.klischee-frei.de gibt es zahlreiche Informationen zum Thema, unter anderem die jüngst von der Bundesagentur für Arbeit herausgebrachte Broschüre »MINT & SOZIAL for you«. In dieser sprechen junge Männer authentisch über ihre Erfahrung als Kinderpfleger, Ergotherapeut, Hauswirtschafter und Heilpädagoge. Bei einem Selbstcheck können Jungs herausfinden, ob diese Jobs auch etwas für sie selbst wären.

Langsam tragen all diese Projekte Früchte. Berufsvorstellungen ändern sich. So waren deutschlandweit Ende 2020 unter den Pflege-Azubis immerhin 24 Prozent Männer –­ 2009 lag ihr Anteil nur bei 19 Prozent. Das hängt auch mit der neuen generalistischen Ausbildung zusammen, bei der man sich nicht mehr zu Beginn der drei Jahre festlegen muss, ob man Kranken- oder Altenpflege lernen will. Vielmehr durchlaufen alle Azubis dieselbe Grundausbildung und wer will, kann sich nach zwei Jahren spezialisieren. Eine weitere wichtige Entwicklung, vor allem hinsichtlich des Fachkräftemangels: Die Ausbildung wird jetzt vergütet! Apropos Gehalt. Das gilt ja in der allgemeinen Wahrnehmung als zu niedrig, was besonders junge Männer abschreckt – und Raimund Binder von der AWO Unterfranken auf die Palme bringt. »Überall ist die Rede vom ›armen Altenpfleger‹, aber das stimmt einfach nicht«, sagt der Einrichtungsleiter des Marie-Juchacz-Hauses in Würzburg.

»Das Einstiegsgehalt liegt bei 3.300 Euro und ist damit absolut konkurrenzfähig.«
Raimund Binder

Ein wesentlicher Aspekt, doch eine noch größere Rolle als Geld, das zeigen regelmäßige Umfragen wie die von der Berufsausbildungs-Plattform DIBaP, spielen andere Kriterien: Viele Auszubildende von heute wollen vor allem von den Kolleg*innen und Vorgesetzten ernst genommen werden. Sie wünschen sich gute Entwicklungsmöglichkeiten, Abwechslung und Selbstbestimmung – und sie legen großen Wert auf die so oft zitierte Work-Life-Balance, also die Ausgewogenheit von Privatleben und Beruf. Flexible Arbeitszeiten sind ein »Must«. Alles Bedingungen, die zum Profil der AWO passen. Kein Wunder, dass Raimund Binder in seinem Haus Nachwuchsprobleme fern sind. Und fünf von derzeit 13 Azubis sind Männer. »Sie sind keine Exoten mehr, sondern viel selbstverständlicher als früher in der Pflege geworden«, sagt Binder, der auch Mitglied im Würzburger Stadtrat ist. »Die gesamtgesellschaftliche Sicht hat sich verändert.« Sicher, es ist viel passiert seit Grönemeyer 1984. Heute legen moderne Eltern Wert auf eine geschlechtsneutrale Erziehung. Und doch sind wir noch lange nicht am Ziel einer klischeefreien (Berufs-)Welt. Um das zu erreichen, sollte sich jede*r kritisch hinterfragen. Ich jedenfalls habe meine rosa-blaue Lektion gelernt.

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