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Einblicke in das Leben einer Altenpflegerin – Von der Pflege in die Karibik

Autor
Andrea Bierle

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Einblicke in das Leben einer Altenpflegerin – Von der Pflege in die Karibik

Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss? Nein, dieses Bild passt nicht zu Monika Powers.
 Lässt die Altenpflegerin die letzten Jahrzehnte Revue passieren, erinnert das eher an einen Ozean, Tsunami inklusive. Die Geschichte von einer, die auszog, die Welt zu entdecken – und bei der AWO (wieder) ankam

Monika Powers, Bild: Privat

Es ist der 24. April dieses Jahres, als Carola Strecker, Einrichtungsleiterin im AWO Sozialzentrum Lauterbach, eine Mail mit der Betreffzeile »Bewerbung als Altenpflegerin« erhält. Sie traut ihren Augen nicht: Bei der Absenderin handelt es sich um »Moni«, die sie vor über 30 Jahren eingestellt und die 2001 aus privaten Gründen das Haus verlassen hatte. »Das war damals ein großer Verlust«, erinnert sich Frau Strecker, die gerade ihr 34. Dienstjubiläum feiert. »Monika Powers war eine sehr engagierte Frau. Sie hatte ihre Meinung, und immer konstruktiv. Umso mehr habe ich mich gefreut, nach so langer Zeit von ihr zu hören und sie sofort zum Gespräch eingeladen.

Als Monika bei der AWO begann, befand sich die Altenbetreuung im Umbruch

Rückblende: 1989 fängt Monika Powers als Altenpflegerin bei der AWO in Lauterbach an, einer Kleinstadt im mittelhessischen Vogelsbergkreis. Ihr Markenzeichen, damals wie heute: die feuerroten Haare. Sie erinnert sich: »Dort habe ich genau das gefunden, wonach ich suchte – moderne Pflege statt verkrusteter Strukturen.« Etwas bewegen, das wollte die junge Moni. Die Altenbetreuung befand sich im Umbruch weg von der rein funktionellen Pflege, hin zur Beziehungspflege, die sich individuell an den Bedürfnissen der Bewohner*innen orientiert. Schon nach einem Jahr ermutigte Carola Strecker ihre neue Mitarbeiterin, sich zur Wohnbereichsleiterin weiterzubilden, was sie 1991 auch wurde. Ihr Name war Programm: Energiegeladen führte Frau Powers ihren Wohnbereich, war im Betriebsrat aktiv und zog als inzwischen alleinerziehende Mutter ihre Tochter auf. »Ich wurde bereits mit 17 schwanger«, erzählt die gebürtige Fränkin. »Von einem amerikanischen Soldaten, in Schweinfurt stationiert, meine große Liebe.« Er verkörperte die weite Welt, nach der sich die Tochter eines Landwirts schon als Kind sehnte. »Ich saß auf dem Heuwagen und habe mich immer gefragt, was wohl hinter dem Wald ist.« Vom elterlichen Bauernhof in Unterfranken zog die 21-Jährige mit ihrer kleinen Familie in den US-Bundesstaat Georgia.

Nach zwei Jahren ging es wieder zurück, diesmal nach Fulda, wohin ihr Mann versetzt wurde. Es war auch das Jahr, in dem Monikas Vater starb. Wie ihre Mutter mit dieser Lebenskrise umging, hat die damals 23-Jährige nachhaltig geprägt. »Innerhalb von acht Wochen verpachtete sie den Hof und begann einen Job im Behindertenheim.« In einer Situation verharren, lamentieren – das gab es nicht. Auch Monika krempelte die Ärmel hoch und machte eine Ausbildung zur Altenpflegerin, die damals noch kostenpflichtig war. Trotz der verstaubten Methoden und des alten Gebäudes, in dem sie als Azubi anfing (»Es gab nur einen Wasserhahn auf der Station.«), bereitete ihr die Arbeit von Anfang an große Freude – noch mehr, seit sie mit der AWO den Arbeitgeber gefunden hatte, der zu ihrer Einstellung perfekt passte. Sie konnte sich entfalten und trotz Führungsposition für ihr Kind da sein.

Es war der Duft der weiten Welt, der die Altenpflegerin Monika magisch anzog

Irgendwann in dieser Zeit, da war Monika Powers längst von ihrem ersten Mann getrennt, lernte sie Wolfgang kennen. Wieder war es der Duft der weiten Welt, der sie magisch anzog. Denn der neue Nachbar ihrer Freundin kam gerade aus der Karibik, wo er im Häuschen eines Kumpels überwinterte. Zurück in Deutschland gründete der gelernte Computerfachmann eine Firma und veranstaltete Kunsthandwerker- und Weihnachtsmärkte. Ein Saisongeschäft, das ihm die Möglichkeit gab, zumindest zeitweise auszusteigen. Die Firma lief, die beiden heirateten und kauften sich »ein altes Bauernhöfchen mit großem Garten« im Hundert-Einwohner-Ort Kruspis. Wolfgang wünschte sich Monika auch beruflich an seiner Seite, um komprimiert zu arbeiten und gemeinsam mehrere Monate auf Reisen zu gehen. »Damals war ich 40 und in einer Art Midlife-Crisis«, erinnert sich Frau Powers, die den alten Namen behalten hat. »Ich dachte, jetzt oder nie. Meine Tochter war volljährig und aus dem Haus. Auf der anderen Seite hatte ich mir beruflich in der Pflege etwas aufgebaut … eine große Entscheidung.«

Nie wird sie den Tag ihrer Kündigung vergessen – es war der 7. September 2001 und ihre Chefin Carola Strecker fragte, ob das reiflich überlegt sei. Vier Tage später, am 11. September, kam es zum Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center und die Welt hielt den Atem an. »Da überlegte ich mir schon, ob es ein Riesenfehler war, eine sichere, gute Stelle in der Altenpflege aufgegeben zu haben.« Doch die Märkte blieben profitabel und das Paar erfüllte sich seinen Traum vom Häuschen in der Karibik. Immer wieder hatten die beiden Wolfgangs Segel-Kumpel auf St. Lucia besucht und waren vertraut mit dieser Perle in der Karibik. Einheimische Freunde boten dem Paar ein Grundstück auf ihrer Plantage an. Und so entstand mit gemeinsamen Kräften ein Rückzugsort mitten im Regenwald. Von der Hängematte ihrer Terrasse des in Rastafari-Farben Grün-Gelb-Rot bemalten Hauses ist der Blick frei auf Palmen, Puderzuckerstrand und das glitzernde Wasser. Eine filmreife Kulisse. Und tatsächlich, St. Lucia war Drehort für den Hollywoodstreifen »Fluch der Karibik«.

Jedes Jahr Mitte Januar hieß es dann Koffer packen und ab ins Paradies nach Ansela-Raye. Das malerische Fischerdorf, benannt nach dem Stachelrochen, wurde ab 2005 zur zweiten Heimat. »Ich fühlte mich so wohl unter den karibischen Menschen mit ihrer Lustigkeit«, sagt Monika Powers und gerät bei den Gedanken an ihr Inselglück ins Schwärmen. »Man setzt sich nur an den Straßenrand, schon kommt man ins Gespräch. Wir gehörten irgendwie dazu, machten zusammen Musik, waren auf Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen.« Im Laufe der Jahre fuhren immer mehr Kreuzfahrtschiffe die Bucht des kleinen Ortes an und spülten für wenige Stunden Touristen an Land. Im Winter 2018 war auch Einrichtungsleiterin Carola Strecker unter den Gästen. Doch die beiden Frauen wussten nichts voneinander und ahnten nicht im Entferntesten, dass sie sich zwei Jahre später wieder in der Gesundheitsbranche begegnen würden. Das vorerst letzte Mal, dass Monika und Wolfgang in die Karibik flogen, war am 28. Januar 2020.

Am Vorabend ihres Rückfluges versammelten sich die karibischen Freund*innen um ihr Häuschen

Einen Monat später feierten sie mit Freund*innen Karneval auf der Nachbarinsel Martinique. Nach den tollen Tagen mit bunten Kostümen, lauter Musik und wilden Tänzen waren alle krank – und begaben sich in Selbstquarantäne, da inzwischen die Nachricht vom Corona-Virus um die Welt ging. Später stellten sie fest, sie hatten sich nicht angesteckt. Aber eine andere Angst machte sich breit: nicht mehr zurück nach Deutschland zu kommen. »Es gab eine 24-Stunden-Ausgangssperre«, erzählt Monika Powers. »Wir waren im Paradies und gleichzeitig gefangen.« Dann sahen sie die TV-Bilder von italienischen Covid-19-Patient*innen und bangten um ihr Leben. Sie wussten: Falls das Virus St. Lucia befallen würde, gäbe es keine Krankenhauskapazitäten, schon gar nicht für Ausländer*innen. Dann endlich meldete sich die deutsche Botschaft mit der Nachricht der letzten Rückhol-Aktion für die Gestrandeten. »Ich kam mir vor wie damals, als Genscher in der Prager Botschaft auf den Balkon trat und die Ausreise für DDR-Bürger verkündete«, sagt Frau Powers. Am Vorabend ihres Rückfluges versammelten sich die karibischen Freund*innen um ihr Häuschen – mit Mund-Nasenschutz-Maske und gebührendem Abstand. »Wir wussten alle: Das kann jetzt ein paar Jahre dauern, bis wir uns wiedersehen.«

Durch den AWO Pflege- und Notfallpool fühlte sich Monika direkt angesprochen und wagte eine Bewerbung mit 60 Jahren

Karfreitag, Ankunft in Kruspis. Neben dem Gefühl der großen Erleichterung kam die Ungewissheit: »Wie geht es jetzt weiter?« Es war klar, auf absehbare Zeit finden keine Märkte mehr statt. Existenzängste kamen auf. Nach dem Motto ihres Schwiegervaters »Reite kein altes Pferd, sattle um«, fing Monika Powers an, nach Jobalternativen zu googeln und stieß bei der Recherche auf den AWO Pflege- und Notfallpool. Eine bundesweite Online-Kampagne, die aufgrund der Corona-Pandemie nach zusätzlichem Personal in der Pflege suchte, besonders medizinische und pflegerische Fachkräfte. Da fühlte sich Frau Powers sofort angesprochen und ließ sich für die AWO Hessen Nord und Süd registrieren. Gleichzeitig sah sie, dass ihr alter Arbeitgeber, das AWO Seniorenzentrum in Lauterbach, Altenpfleger*innen suchte. Und so schrieb sie ihrer einstigen Chefin Carola Strecker eine Mail. »Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, mich mit 60 Jahren noch mal zu bewerben«, sagt Monika Powers. »Aber bei dem Gespräch fühlte sich alles richtig an.« Auch für Frau Strecker, die ihre frühere Mitarbeiterin gleich einstellte: »Natürlich hat sich im Laufe der Zeit in unserem Haus vieles verändert, aber die wertschätzende Einstellung, mit der wir Menschen betreuen, ist geblieben – und die bringt Moni neben ihrer Fachkompetenz eben ganz sicher mit.« Seit dem 18. Mai arbeitet die Weltenbummlerin a. D. als Altenpflegerin – und ist glücklich. Anders als früher sei das Team heute bunter gemischt: Männer, Frauen, jung, alt und auch international, das gefalle ihr. Und ja, sie müsse in Sachen EDV etwas nachholen und hat bald ihre erste Schulung. »Aber das Schöne ist: Das Leben bleibt spannend.«

Monika Powers vor dem AWO Altenzentrum in dem sie heute wieder als Pflegefachkraft arbeitet; Foto: Privat

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