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Ein Interview mit Prof. Dr. Montag zum Thema Smartphonenutzung

Autor
Alina Halbe

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Ein Interview mit Prof. Dr. Montag zum Thema Smartphonenutzung

Prof. Dr. Christian Montag erforscht unter anderem den Einfluss von Internet, Mobiltelefonen und Computerspielen im Zusammenhang von Persönlichkeit und Gesellschaft. Im Interview verrät er uns, welche Auswirkungen die Smartphone-Nutzung auf unser Leben hat und wie man die Nutzung in den Griff bekommt.

Prof. Dr. Christian Montag ist Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie an der Universität Ulm. Dort erforscht er unter anderem den Einfluss von Internet, Mobiltelefonen und Computerspielen im Zusammenhang von Persönlichkeit und Gesellschaft ; Foto: Privat

AWO Experts: Herr Prof. Dr. Montag, warum greifen wir ständig zum Smartphone?

Prof. Dr. Montag: Das tun wir zum einen, wenn uns langweilig ist. Weil sich diese Langeweile nicht gut anfühlt, lenken wir uns mit Apps und sozialen Netzwerken ab. Zum anderen greift hier ein Glücksspielmechanismus: Wenn wir das Gerät in die Hand nehmen, haben wir mal eine neue Nachricht bei WhatsApp oder mal einen neuen Like, aber eben nicht immer. Diese Form der Smartphone Nutzung & Belohnung ist sehr effektiv, unser Verhalten zu verstärken, und besonders löschungsresistent.

Welche Auswirkungen hat das auf unser Leben?

Es führt zu einer Fragmentierung des Alltags, denn im Durchschnitt greifen wir laut Zahlen einer großen Studie alle 18 Minuten zum Smartphone. Die Zeit zwischen den vielen kleinen Unterbrechungen ist damit so kurz, dass man eigentlich gar nicht mehr richtig arbeiten kann. Außerdem kann man bei Menschen mit sehr hohem Digitalkonsum auch schlechteren Schlaf und häufig sogar Tendenzen zu einer depressiven Symptomatik beobachten.

Warum fällt es denn so schwer, die Geräte einfach mal beiseite zu legen?

Facebook, Instagram und Co. sind so designt, dass Nutzer*innen häufiger darauf zugreifen, als sie eigentlich wollen. Die Likes bringen uns dazu, uns mit anderen Nutzer*innen zu vergleichen. Sie sind für viele fast so viel wert wie eine eigene Währung. Weiterhin: Snapchat-Nachrichten sind zum Beispiel nur kurz online verfügbar. Wenn man nicht sofort darauf zugreift, entsteht eventuell die Angst, etwas verpasst zu haben und nicht mehr mitreden zu können. Dieses Phänomen heißt »Fear of missing out« oder kurz »FOMO«. Das treibt Nutzer*innen auch schneller auf die Plattformen.

Sogenannte Digital Detox-Seminare sollen jetzt helfen, die Smartphone Nutzung zu reduzieren. Was halten Sie davon?

Solche Angebote können durchaus zum Nachdenken anregen und Impulse geben, aber man darf nicht vergessen, dass man sich dort in einem künstlich erzeugten Umfeld befindet, das wenig mit dem normalen Alltag zu tun hat.

Was kann man stattdessen tun, um nachhaltig etwas zu ändern?

Ganz einfach umsetzbar ist zum Beispiel, den Alltag wieder mit einer klassischen Armbanduhr und einem Wecker am Bett zu strukturieren. Oft will man ja nur die Uhrzeit checken, sieht eine Nachricht und bleibt am Gerät kleben. Beim Blick auf eine Uhr passiert das nicht. Für das soziale Umfeld gilt: Wer weiß, dass er schnell zum Telefon greift, lässt es beim Gang zum Spielplatz oder zum Treffen mit einer Freundin am besten gleich zu Hause oder zumindest tief in der Tasche. Ich trickse mich dann selber aus, weil ich nicht so gut an das Gerät rankomme. Die Hand wandert unterbewusst ins Leere.

Und wie funktioniert das im Büro?

Wenn ich konzentriert arbeiten muss, brauche ich eine Arbeitsumgebung, in der ich nicht dauernd unterbrochen werde. Für mich persönlich heißt das zum Beispiel zuerst: das E-Mail-Postfach schließen. Auch mein Smartphone bringe ich aus dem Raum. Es nur auszuschalten, reicht nicht, denn schon die reine Anwesenheit lenkt unsere Gedanken in Richtung Smartphone mit den vielen darauf befindlichen »Verführungen«.

Brauchen wir letztlich also nur genügend Selbstdisziplin?

Natürlich ist das eine Eigenschaft, die man sich begrenzt antrainieren kann und auch lernen sollte. Aber Verhalten zu ändern, ist schwierig und dauert lange. Ich finde es auch nicht richtig, an dieser Stelle nur die Nutzer*innen verantwortlich zu machen.

Sondern?

Die Kritik an den großen Tech-Konzernen muss größer werden. Sie designen schließlich die Plattformen, die uns massiv dazu verleiten, dort mehr Zeit zu verbringen, als wir eigentlich wollen. Weil aber wirtschaftliche Interessen dahinterstecken, ist das Entgegenkommen von Facebook und Co. sehr gering, gesündere Online-Plattformen zu entwickeln. Erste zaghafte Schritte wie die Funktion der »Bildschirmzeit«, mit der man die Nutzungszeit an den Geräten einstellen kann, gehen in die richtige Richtung, sind aber noch lange nicht genug.

Was wünschen Sie sich konkret?

Die Tech-Konzerne müssen die Standardeinstellungen ihrer Plattformen so ändern, dass ein Großteil der Menschen von Anfang an einen sinnvollen und bewussten Umgang damit lernt. Für WhatsApp würde das zum Beispiel bedeuten, die Doppelhaken-Funktion zu deaktivieren, also am besten die App in dieser Form auszuliefern. Die Doppelhaken-Funktion zeigt an, ob eine Nachricht gelesen wurde und führt über sozialen Druck dazu, dass einige Nutzer*innen schneller auf Antworten reagieren und mehr Nachrichten versenden. Das ist unnötiger Stress in diesem ohnehin schon stressigen digitalen Zeitalter.

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