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Besser zusammen

Autor
Laura Lange

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Besser zusammen

Social Distancing, Lockdown und Quarantäne haben Gemeinschaft und Zusammenhalt neu definiert. Wir gehen dem »Wir-Gefühl« auf die Spur und zeigen, warum wir andere Menschen brauchen, um glücklich zu sein – mit und ohne Corona

Im ersten Lockdown hing in meinem Hausflur eines Tages ein Zettel an der Wand: »Wir kaufen für Euch ein.« Ein Studentenpaar aus dem dritten Stock bot älteren, kranken und ängstlichen Bewohner*innen unseres Mehrparteienhauses einen Einkaufsservice an. Man könne bei ihnen telefonisch eine Bestellung aufgeben, die Lebensmittel würden sie kontaktlos vor der Tür abstellen. Um die Bezahlung könne man sich auch später noch kümmern. Dahinter ein gemaltes Herz.  

Wir stecken da alle zusammen drin.

Es war einer dieser Momente in der Pandemie, in denen ich ganz deutlich spürte: Wir stecken da alle zusammen drin. Und müssen deshalb auch zusammenhalten. Dieses Gefühl hatten offensichtlich viele. Selbst meine sonst so anonymen Hausbewohner*innen hatten sich zu einer solidarischen Schicksalsgemeinschaft zusammengeschlossen. Das »Wir« stand plötzlich hoch im Kurs. Doch auch wenn wir mit Nachbarschaftshilfe und selbstgebastelten Mut-Mach-Regenbogen im Fenster gefühlt näher zusammenrückten, machten uns Abstand, Kontaktverbot und verwackelte Videokonferenzen mit Eltern und Freund*innen schmerzlich bewusst, was so sehr fehlte: Nähe, Berührung, Umarmungen, eine Hand, die eine andere hält.

Die menschliche Natur

Wir Menschen sind soziale Wesen, Herdentiere, die ihre Herde nun mal zum Leben brauchen. Schon Säuglinge können ohne fremde Hilfe nicht überleben und ein Einzelner hatte schon zu Urzeiten beim Jagen und Sammeln weniger Chancen Beute zu machen als eine Gruppe. Gemeinschaft kann sich unterstützen und gegenseitig helfen: bei der Kinderbetreuung, bei der Pflege von Alten und Kranken, bei einem umfangreichen Projekt im Job oder ganz einfach bei der Bewältigung der kleinen und großen Krisen des Lebens. Wir brauchen Gemeinschaft als Spiegel, den wir uns selbst vorhalten können, um unser eigenes Handeln zu reflektieren, wir brauchen sie als Raum, um uns verorten und verwirklichen zu können. Schulklassen, Vereine, Kegelclubs, Bio-Kommunen, selbst Facebook-Gruppen geben Halt und im besten Fall das gute Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Wer dieses Wir-Gefühl spürt, lebt zufriedener, ja sogar gesünder

Deswegen spricht natürlich nichts dagegen, hin und wieder auch mal Zeit allein zu verbringen. Tür zu, Telefon aus. Solche Alleingänge können den Kopf und neue Kapazitäten freimachen. Mal nur mit sich selbst im Dialog zu sein und nach innen zu lauschen, kann heilsam sein. Auf Dauer ist es aber kein Zustand, erst recht nicht, wenn aus dem selbstgewählten und meist positiv wahrgenommenen Alleinsein Einsamkeit oder soziale Isolation werden.

Harmonie?!

Aber machen wir uns nichts vor: Betriebsratsversammlungen, Elternabende und Weihnachtsfeste im Familienkreis erinnern uns verlässlich daran, dass es in Gemeinschaft nicht immer nur harmonisch zugeht. Da wird diskutiert und gestritten, manchmal bis die Fetzen fliegen. Wer danach enttäuscht oder gekränkt den Rückzug antritt, hat sich sicher schon die Frage gestellt, wofür das ganze Zusammensein eigentlich gut sein soll. Auch auf gesellschaftlicher Ebene kann man beobachten, dass es immer öfter um Konkurrenz und Ellenbogen statt Kooperation und Miteinander geht. Globalisierung und Digitalisierung steigern die Anforderungen an das Selbst und rücken das »Ich« in den Fokus. Im ewigen Wettbewerb um Erfolg und Anerkennung – beruflich und privat – wollen wir uns gegenseitig im Besonders-Sein überbieten. Wir wollen als möglichst einzigartig wahrgenommen werden und bitte bloß nicht als Gruppenmensch.

Aber jetzt, nach mehr als zwei Jahren Pandemie und vielen Monaten ohne Schwimmverein, Buchclub und Kinderchor, wissen wir: Gemeinschaft kann unser Leben doch bereichern. Und die wirklich großen Glücksmomente erleben wir ja doch immer dann, wenn wir mit anderen zusammen sind.

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